Neuerlicher Beinah-Kollaps und die Unbesiegbarkeit

Nach fünf vornehmlich von der Euphorie durch Pokalsiege und Aufstiege in den unteren Klassen getragenen Jahren geriet der bis dato erfolgsverwöhnte Kurs des 1. FC Lok ins Stocken. Zwar etablierte sich der Club in der NOFV-Oberliga Süd, konnte den gleichsam selbst gestellten höheren Erwartungen und Ansprüchen aber nicht gerecht werden. Sportlich wie strukturell stagnierten die Blau-Gelben zusehends. Allein seit der Ablösung des vierfachen Aufstiegshelden Rainer Lisiewicz wurden bis Herbst 2013 sieben Cheftrainer verschlissen.

Zunächst trat der vorherige Nachwuchskoordinator Jörg Seydler das schwere Erbe von Lisiewicz auf der Trainerbank an. An den ordentlichen Start in die Oberliga-Saison 2009/10 mit neun Punkten aus den unbesiegten ersten fünf Spielen, worunter auch ein 0:0-Unentschieden im Ortsderby gegen den FC Sachsen vor beeindruckender Kulisse von fast 15.000 Zuschauern im Zentralstadion lag, konnte die Mannschaft nicht mehr anknüpfen. Das etwas zu hoch ausgefallene 0:3 Ende September 2009 vor knapp 11.500 Fans gegen den neugegründeten RB Leipzig läutete recht nahtlos das schrittweise Abrutschen ins triste untere Mittelfeld der Oberliga ein. Einzig bei der tollen Leistung auf Augenhöhe, letztendlich aber bitteren 0:1-Sachsenpokalniederlage (n.V.) gegen den späteren Zweitliga-Aufsteiger Erzgebirge Aue im November ließ das Team noch mal das eigentliche Potenzial aufblitzen. Kurz darauf bewegte ein uninspiriertes 0:1 beim VfL Halle Seydler vorzeitig zum Rücktritt. Bis zum Saisonende übernahm der langjährige Co-Trainer Uwe Trommer die Verantwortung. Der FCL landete im zweiten Oberliga-Jahr auf einem wenig zufriedenstellenden zwölften Platz. Auch die Hinrunde 2010/11 verlief total verkorkst. Aufgrund diverser Ausfälle und Terminverschiebungen wurden bis Jahresende bloß zehn Partien absolviert, wodurch kaum Spielrhythmus aufkommen konnte. Bei einem Sieg und fünf Unentschieden standen daher bis zur Winterpause lediglich acht Punkte auf der Habenseite. Zu allem Übel musste Achim Steffens nur wenige Monate nach seiner Rückkehr zur Loksche Ende Dezember krankheitsbedingt das Traineramt abgeben.

Drei Jahre Oberliga-Tristesse – Geglückte Regionalliga-Qualifikation unter Kronhardt

Einen besseren Einstand als gleich den frenetisch bejubelten 2:0-Derbysieg Anfang Februar 2011 über den FC Sachsen konnte sich Steffens’ vormaliger Assistent und Nachfolger Mike Sadlo derweil kaum wünschen. Auch wenn das spätere Rückspiel gegen die Leutzscher mit 0:2 verloren ging, sollten die Blau-Gelben im weiteren Verlauf ihr Punktekonto noch auf 39 Zähler erhöhen, um die alles andere als komplikationslose Saison auf einem versöhnlichen achten Rang und zwei Plätze vor dem Ortsrivalen abzuschließen. Die beschlossene Neustrukturierung und Aufstockung der Regionalliga auf fünf Staffeln von Sommer 2012 an bedeutete, dass in der Spielzeit 2011/12 drei sichere Qualifikationsränge in der NOFV-Oberliga Süd zu vergeben waren. Doch genau dieses große Ziel schien während einer wiederholt durchwachsenen und wenig konstanten Hinrunde auf der Kippe zu stehen. Zu Beginn der Rückrundenvorbereitung trat deshalb Willi Kronhardt, der zwischen 1998 und 2000 für den VfB Leipzig auflief, den Posten des Anfang Dezember 2011 beurlaubten Sadlo an. Nach 22 eingefahrenen Punkten aus elf Punktspielen unter seiner Ägide kam es Mitte Mai zum alles entscheidenden Duell beim unmittelbaren Konkurrenten um das letzte direkte Regionalligaticket VfB Fortuna Chemnitz. Dort zeigten die Probstheidaer Nervenstärke, denn zwei Traumtore von Marcus Brodkorb und Jens Werner sorgten für den Aufstieg und grenzenlosen Freudentaumel bei gut 2.500 mitgereisten Lok-Fans.

Kaum 24 Stunden später ereilte den Club die nächste Hiobsbotschaft, als Kronhardt noch während der Aufstiegsfeierlichkeiten im Bruno-Plache-Stadion seinen Abgang verkündete, um wenig später den neuen Staffelkontrahenten Germania Halberstadt zu übernehmen. Den Verantwortlichen glückte allerdings ein richtig guter Griff, indem sie Kronhardts plötzlich hinterlassene Lücke mit Marco Rose füllen konnten. Von 1987 an hatte das Eigengewächs die Probstheidaer Talentschmiede durchlaufen und den Sprung in den Profibereich gemeistert, ehe er von 2000 an erst bei Hannover 96 und vor allem acht weitere Jahre beim FSV Mainz eine mehr als respektable Erst- und Zweitligakarriere erlebte. Zurück in der Heimat gelang ihm eine nicht weniger außerordentliche Leistung während seiner ersten Cheftrainerstation. Gegen Ende der Vorrunde hatte sich die Mannschaft in der höheren Spielklasse akklimatisiert, was sie folgend mit einem überzeugenden zweiten Halbjahr bestätigte, in dem aus 16 Spielen 23 Punkte eingefahren wurden. Der schlussendlich souverän gelöste Klassenerhalt rückte aber alsbald in den Hintergrund. Wie schon in eigentlich vergangen gehofften Zeiten stand im Frühling 2013 nun auch der neue 1. FC Lok unversehens am Rand des Ruins. Im April war die gesamte Führungsetage zurückgetreten, ein vorübergehendes Arbeitspräsidium hatte die Operative übernommen und stand in erster Linie vor der dringlichen Mammutaufgabe, einen Rettungsplan für den zuletzt bis auf 618.000 Euro angewachsenen Schuldenberg aufzustellen.

2013 am Rand des Ruins – 2016: Ungeschlagen zurück in die Regionalliga

Entsprechend massive Einschnitte musste auch die Regionalligamannschaft vor der anstehenden Saison 2013/14 verkraften. Sportlich ein herber Verlust, doch angesichts der äußerst angespannten finanziellen Situation nicht umkehrbar, gingen der 1. FC Lok und Marco Rose nach dem Klassenerhalt einvernehmlich getrennte Wege. Carsten Hänsel, zuvor bei der Zweiten des Halleschen FC tätig, versuchte sich an der großen Herausforderung, die arg gebeutelten Blau-Gelben erneut in der vierten Liga zu halten. Unglücklicherweise ereilte sie von Beginn an eine derbe Pechsträhne bis in den frühen Herbst hinein. Das Kapitel Hänsel war schnell beendet und erst am neunten Spieltag gelang unter Interimscoach Eric Eiselt durch das 4:2 über Optik Rathenow ein erster Befreiungsschlag. Nur einen Tag später wurde mit Heiko Scholz ein ebenfalls alter Bekannter auf dem wiederum zu besetzenden Cheftrainerposten vorgestellt. Mitten in der für den Verein schwierigsten Phase seit seiner Neugründung brachte der Lockenschopf aus der legendären 1987er Europacup-Mannschaft des FCL und spätere DFB-Nationalspieler Schritt für Schritt neue Zuversicht. Allein der beeindruckenden Aufholjagd in der Rückrunde, darunter die ungeschlagene Serie in den letzten sieben Spielen mitsamt den Siegen gegen die Meister Neustrelitz und Vize 1. FC Magdeburg, sollte die Krönung verwehrt bleiben. Ein einziges weiteres Tor am allerletzten Spieltag bei Hertha BSC II (1:1) vor gut 3.000 mitgereisten Leipziger Anhängern hätte schon genügt, um den traurigen Gang zurück in die Oberliga noch zu verhindern.

Aber so bitter dieser emotionale Abstieg genauso wie die anschließend von allerlei sportlichen Enttäuschungen gekennzeichnete Oberliga-Saison 2014/15 (Platz vier und verpasster Wiederaufstieg) auch waren: Denkt man an den Sommer 2013 zurück, ist es alles andere als selbstverständlich, dass in Probstheida überhaupt noch ambitionierter Fußball gespielt wird. Nur aufgrund der ungebrochenen Unterstützung und dem nicht selbstverständlichen Vertrauen in größter Not von unermüdlichen Sponsoren, Förderern, Mitgliedern, Ehrenamtlern und Fans sprang der 1. FC Lok dem neuerlichen Kollaps im wahrlich allerletzten Moment von der Schippe. Erst auf diesem Fundament eröffneten sich unlängst tatsächlich mutmachende neue Perspektiven. Einen Meilenstein bildete dabei das jüngst im September mit der großzügigen Hilfe von Hauptsponsor ETL erworbene Erbbaurecht am Bruno-Plache-Stadion. Sportlich kam das Team von Cheftrainer Heiko Scholz richtig in Fahrt, übernahm am ersten Oktoberwochenende 2015 erstmals die Oberliga-Tabellenführung und holte sich bis einschließlich Februar 2016 ganze 12 Siege in Folge. Drei Spieltag vor Schluss feierten weit über 2.000 Fans bei Askania Bernburg einen 5:0-Erfolg und damit den vorzeitigen Aufstieg in die Regionalliga. Nach 30 Partien war keine einzige Niederlage bei Kapitän Markus Krug und seinen Mitspielern zu verzeichnen. Der FCL blieb als einzige der 288 Mannschaften in den fünf höchsten deutschen Spielklassen ungeschlagen.

2016/17: In der Regionalliga geht's gegen Cottbus, Jena und den BFC