11Freunde"-Chefredakteur Philipp Köster. | Foto: 11Freunde

Verein, Top7, Top3 | Sonntag, 23. November 2014

Interview mit Philipp Köster

"Leipzig ist sicher die merkwürdigste Fußballstadt hierzulande"

Etwa 100.000 Hefte "11 Freunde – Magazin für Fußballkultur" werden jeden Monat verkauft. Im Jahr 2000 gründete Philipp Köster zusammen mit dem Fotografen Reinaldo Coddou H. die Zeitschrift. Im Interview mit BRUNO spricht der Chefredakteur über seine große Liebe Arminia Bielefeld, den Leipziger Fußball und auch über den heutigen Gegner. (erschienen im Stadionheft BRUNO beim Spiel gegen RasenBallsport II)

Als Fan von Arminia Bielefeld gehören Abstiege zum Dasein? Wie ist die Stimmungslage? Haben Sie sich wieder an die 3. Liga gewöhnt? Ist sie vielleicht sogar angenehmer und hat mehr Sexappeal?
Im Stadionmagazin eines Fünftligisten sollte ich nicht über die 3.Liga jammern. Allerdings ist es weder für Spieler noch für Anhänger ein besonders ästhetisches Vergnügen, auf der Alm gegen die ganzen Zweitvertretungen zu kicken. Inzwischen ist der Schock des Darmstadt-Spiels aber gewichen. Dieses Spiel wird ja noch heute im Verein unter dem Stichwort "Armageddon" geführt. (Bielefeld unterlag bei den Relegationsspielen im Mai 2014 dem SV Darmstadt 98. Das Hinspiel hatte die Arminia auswärts 3:1 gewonnen. Im Rückspiel verloren die Ostwestfalen durch ein Tor in der Nachspielzeit der Verlängerung mit 2:4 und stiegen ab./d.Red.)

"Der Vater mit dem Sohne" oder die "Kumpels aus der Schule"? Die wohl klassischsten Formen der Fan-Werdung. Wie begann Ihre Liebe zur Arminia?
Mein Vater war eher ein Sofazuschauer. Ein Bekannter meiner Mutter nahm mich und meinen Bruder Anfang der Achtziger mit auf die Alm. Erstes Spiel war gegen Mönchengladbach, ein rauschender 5:0-Sieg, die alte Holzgegen­gerade schwankte gefährlich und Gladbach-Trainer Jupp Heynckes saß mit hochroter Birne auf der Trainerbank.

Waren Sie eigentlich in der Saison 1995/96 dabei als der VfB Leipzig sein erstes Heimspiel der Saison vor über 9.000 Zuschauern gegen die Arminia ausgetragen hatte? Für den VfB war das eine fast historische Angelegenheit. Über drei Jahre durfte nur im Zentralstadion gespielt werden, dieses 0:0 war die erste Partie zurück im "Bruno".
In der ersten Zweitliga-Saison nach dem Aufstieg habe ich alle Arminia-Spiele gesehen. Schließlich hatten wir gerade sieben Jahre in der Oberliga hinter uns. Sieben Jahre gegen Vereine wie Schöppingen oder Beckum – da war eine Fahrt nach Leipzig die große, weite Welt für uns. Auch wenn das Spiel ein ziemliches Gegurke war, wenn ich mich recht erinnere.

Wie müssen wir uns die ersten Gehversuche von "11 Freunde" im Jahr 2000 vorstellen – ohne Verlag, ohne Vertrieb, ohne Ladenverkauf, noch dazu ohne neuzeitliche Hilfsmittel wie Facebook oder Twitter? Hand-zu-Hand-Verkauf in einer verkehrsberuhigten Bielefelder Einkaufsmeile?
So ungefähr. Anfangs dachten wir, es geht auch ohne Kioske. Traumatisch in Erinnerung ist mir, wie wir die erste Ausgabe vor dem Berliner Olympiastadion verhökern wollten und wirklich niemand Interesse an der Zeitschrift hatte. Am Ende haben wir acht Exemplare verkauft, vier davon, weil die Käufer dachten, es sei die Stadionzeitung.

Haben Sie damals wirklich an eine realistische Möglichkeit geglaubt, jemals ihren Lebensunterhalt mit dem Heft bestreiten zu können?
Wir haben uns gottlob nur wenige Gedanken darum gemacht, wie das wohl weitergeht. Am Anfang gab es vor allem wenig Werbung, wenig Leser und hohe Schulden. Um 2002 herum haben nur rund 6000 Leute das Magazin gekauft. Erst rund um die WM 2006 ging es dann bergauf. Aber damals hatten wir schon ein paar schlaflose Nächte.

Was wäre dem jungen Fußballfan Philipp Köster damals zuerst eingefallen, wenn er den Namen 1. FC Lokomotive Leipzig gehört hätte?
Intertoto-Cup, die innerdeutschen Begegnungen. 1982 oder 1983 spielte Arminia ja mal bei Lok und verlor 0:2, damals auch im Bruno-Plache-Stadion, wenn ich mich richtig erinnere. Und bevor wir am Samstagabend Sportschau guckten, schaltete mein Vater immer DDR-Fernsehen ein und wir schauten noch ein paar Minuten Ost-Fußball. Als westlicher Fan fand man Namen wie Lok Leipzig oder Fortschritt Bischofswerda erst einmal ulkig.

Was fällt ihm anno 2014 zum 1. FC Lok ein?
Tradition. Treue Anhänger. Die Haupttribüne aus Holz. Und dass der Verein sicher schon bessere Zeiten erlebt hat.

Leipzig ist ein ganz spezieller Fußballstandort. Selbst für Eingeborene hält er immer wieder Überraschungen parat: DFB-Gründungsort, Erster Deutscher Meister, eine über Jahrzehnte gepflegte Feindschaft zweier Vereine, die Spaltung eines Vereins in zwei usw. Wie ist Ihr "Außen-Blick" auf den Fußball in der Messestadt?
Leipzig ist sicher die merkwürdigste Fußballstadt hierzulande. Ein fußballbegeistertes Publikum, wie man es nicht in vielen Städten findet. Dazu zwei Klubs, die beide das Potential hatten.

Natürlich müssen wir über den heutigen Gegner sprechen. Die zweite Mannschaft von RasenBallsport ist zu Gast. In Leipzig wird einem durch lokale "Prominenz", Medien oder plötzlich Fußball-Interessierte oftmals das Gefühl vermittelt, sich diesem Projekt doch bitteschön devot und dankbar zu Füßen zu werfen. Das Recht, Kritik zu üben oder die ganze Sache einfach auch doof zu finden, wird verständnislos quittiert. Was ist da los?
Letztlich ist die Leipziger Red-Bull-Filiale ja nur die konsequente Fortführung der umfassenden Kommerzialisierung, die wir seit Anfang der Neunziger Jahre erleben. Der Fan als Kunde, das Spiel als durchgeplanter Event – warum soll man da nicht auch Fußballklubs auf dem Reißbrett planen können? Dabei ahmen Konstrukte wie das in Leipzig Fußball- und Fankultur ja nur nach, ohne zu kaschieren, dass es wirklich ausschließlich darum geht, noch ein paar Dosen mehr zu verkaufen. Um eine Haltung zu dem Klub zu entwickeln, muss man sich nur fragen, wie das wohl wäre, wenn das alle so machen würden.

Auch "11Freunde" positionierte sich mit deutlicher und begrün­deter Kritik an der gesamten Herangehensweise des Unternehmens. Die Aushöhlung bestehender Lizenzrichtlinien, die Veräppelung der 50+1-Regel, Intransparenz oder fehlende Mitgliederbeteiligung. Insbesondere Ihre Titelstory im vergangenen März (#148, "Der große Red Bull Bluff") löste teils heftige Kontroversen innerhalb ihrer Leserschaft, anderer Medien, bei Vereinen und bei Fans aus, die durch den Aufstieg von RB lang nachhallten. Konnten auch Sie mittlerweile vom Projekt überzeugt werden?
Nee, das wäre aber auch vergeblich. Was ich allerdings erstaunlich fand, mit welch skurrilen Argumenten RB verteidigt wird, und welche banalen Phrasen mit todernster Miene gedroschen werden. "Unsere Tradition ist die Zukunft!" Sowas stand früher an der Uni auf den Klowänden.

Was möchten Sie dem fünftklassigen 1. FC Lok mit auf den Weg geben?
Dass alles anders kommt, als man denkt. Und dass Lok irgendwann sicher auch mal wieder europäisch spielen wird. Vielleicht sogar gegen Bordeaux.

Lieber Philipp Köster, wir sagen Danke für das Gespräch.