Quelle: Leipziger Internetzeitung vom Dienstag, 16. Juni 2015
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1. FC Lokomotive möchte Tätern lebenslange Stadionverbote erteilen

Der 1. FC Lokomotive greift nach den schweren Ausschreitungen während des Oberliga-Spiels gegen RW Erfurt II zu drakonischen Maßnahmen. Am heutigen Nachmittag möchte der Verein Fotos der Täter auf seiner Homepage veröffentlichen. "Wir setzen alles daran, die Randalierer zu ermitteln", sagte Präsidiumssprecher René Gruschka dem MDR. Die Gewalttäter sollen mit lebenslangen Stadionverboten bestraft werden.

Die Ankündigung klingt nach beherztem Zupacken, doch eine Portion Skepsis ist dennoch angebracht. Der 1. FC Lokomotive kann eigentlich keine lebenslangen Stadionverbote aussprechen, wenn nicht an höherer Stelle ein Umdenken einsetzt. Die NOFV-Richtlinien zur einheitlichen Behandlung von Stadionverboten, welche auf allen Fußballplätzen im Verbandsgebiet gelten, sehen eine Höchstdauer von drei Jahren vor. Bei Wiederholungstätern sind fünf Jahren möglich. Der Verein kann ferner unbefristete Hausverbote für sein Vereinsgelände aussprechen, mindestens dazu wird es wohl kommen.

Von dieser Möglichkeit hatten die Probstheidaer bereits nach den schweren Ausschreitungen am Rande eines Spiels gegen Erzgebirge Aue II im Februar 2007 Gebrauch gemacht. Seinerzeit verbannte der Vorstand mehrere rechtsextreme Hooligans aus präventiven Gründen aus dem Bruno-Plache-Stadion. Zur Bewältigung des Gewaltproblems innerhalb der Fanszene trug die Maßnahme wenig bis gar nichts bei, die Drähte innerhalb der Szenerie hielten offenbar. Ein Problem, welches man in ganz Deutschland bereits kennt, oft ergeben sich sogar Solidarisierungseffekte mit den Ausgeschlossenen.

So kommt es nicht von ungefähr, dass später erteilte Hausverbote gegen bekannte Gewalttäter bei Lokomotive in mehreren Fällen auf Druck der militanten Fanszene wieder aufgehoben wurden. Die Solidarisierung fand auch deshalb statt, weil im Windschatten von Ausschlüssen und Stadionverboten die Angst umgeht, man könnte selbst der Nächste sein.

Nachfolgende Einschüchterungsversuche und Anschläge auf das Vereinseigentum von Lok kamen noch dazu. Auch deshalb steht Lok vor einer schwierigen Aufgabe. Die Randalierer vom vergangenen Sonntag könnten René Gruschkas Ankündigung gelassen ins Auge blicken, so lange der Druck von den Strafverfolgungsbehörden gering ausfällt. Immerhin besteht die vage Hoffnung, dass die Tatverdächtigen mindestens bis zum Abschluss der Ermittlungsverfahren und Strafprozesse dem Fußball fernbleiben. Für die Erteilung der Stadionverbote für zukünftige Auswärtsspiele sind zudem die Gastmannschaften zuständig, nicht grundlos hatte Lok-Präsident Heiko Spauke bereits in der letzten Saison  um die Unterstützung anderer Clubs gebeten.

In diesem Fall wäre also der RW Erfurt als gastgebender Verein zuständig. Deshalb können die Betretungsverbote auch nur von den Thüringern wieder außer Kraft gesetzt werden. Nach den NOFV-Richtlinien passiert dies bei erwiesener Unschuld.

Lok Leipzig kündigte weiterhin an, die zu erwartende Verbandsstrafe auf die Randalierer abwälzen zu wollen. Dies ist rechtlich zulässig und im Fußball gängige Praxis. Denkbare Sanktionen gegen Lok selbst sind ein Punktabzug, eine Platzsperre und bis zu 20.000 Euro Geldstrafe. Das Urteil wird spätestens in der kommenden Woche erwartet. Die Probstheidaer haben unterdessen eine Stellungnahme vorbereitet, die im Laufe des heutigen Tages an den Verband übermittelt werden soll. Ein Wiederholungsspiel ist für Lok vom Tisch. “Das lehnen wir ab. Wir haben es sportlich nicht geschafft. Das ist Tatsache”, sagt Gruschka.

Die berufliche Zukunft von Cheftrainer Heiko Scholz und Sportdirektor Mario Basler ist weiter offen. Beide hatten am Sonntag über einen möglichen Rückzug aus Probstheida gesprochen. Der Lok-Vorstand möchte seine Arbeit in jedem Fall fortsetzen.

Von: Michael Freitag