Quelle: Bild.de vom Samstag, 13. Mai 2017
Nur diese Kategorie anzeigen:Bild.de

BILD-Besuch bei Erfolgstrainer Thomale

Wenn man Leipzigs Erfolgstrainer Uli Thomale (72) besuchen will, muss man schon zweieinhalb Auto-Stunden einplanen. Im 250 Kilometer entfernten Kassel, seiner ersten Trainerstation NACH dem 1. FC Lok, hat er mit seiner Ehefrau Regine (69), einer Sonderschullehrerin, seinen Lebensmittelpunkt gefunden. Dort wird er heute ganz sicher mit einem Gläschen Sekt noch einmal auf seinen größten Triumph anstoßen – das Europapokal-Finale mit dem 1. FC Lok in Athen. Das jährt sich zum 30. Mal!

BILD hat die Thomales besucht. Sie leben im Stadtteil Harleshausen in einer modernen, hellen 117-Quadratmeter-Wohnung zur Miete. An Fußball erinnert nur wenig. Auf dem Fensterbrett steht eine Flasche Rotwein, die Thomale 1987 vom Halbfinale in Bordeaux mitbrachte. Darauf hockt das aktuelle FC Lok-Maskottchen Loki. Alle anderen Fußballerinnerungen sind fein säuberlich auf dem Dachboden verstaut. Und doch unvergessen!Wie der schwierige Saisonstart 1986...

Auf einer Wettkampfreise in die Sowjetunion infizierte sich die Mannschaft mit der Ruhr. Thomale: „Ich vermute, dass die Verpflegungspakete schuld waren. Dieter Kühn war der erste, bei dem es im Flugzeug los ging. Und ich war der letzte, den es erwischte – ich war mit der Familie gerade am Kulkwitzer See.“Im Krankenhaus St. Georg lag Lok wochenlang in Quarantäne. Trainierte auf den Fluren der Klinik oder im Park.Um dann trotzdem den größten internationalen Erfolg des Klubs zu feiern. Am 13. Mai 1987 war Ajax Amsterdam im Athener Olympiastadion beim 0:1 leider eine Nummer zu groß. Ein gewisser Marco van Basten erzielte das Siegtor.Thomale sieht es noch genau vor sich: „Auf der rechten Seite marschierte Silooy. Marschall ging dann etwas halbherzig hin und hat ihn flanken lassen. Und drin traf dann Weltklasse auf DDR-Spitze. Van Basten hat ein Zehntel ausgereicht, um mit dem Kopf vor Lindner an den Ball zu kommen.“ Nach 21 Minuten schon die Entscheidung – weil Thomales Taktik nicht ganz aufging.Er erzählt: „Wir haben ja immer mit drei Stürmern gespielt. Dieter Kühn hatte aber einen Rippenbruch und Hans Leitzke nicht so die Verfassung. Neben Richter und Marschall habe ich mich dann für Frank Edmond entschieden.“
Der war eigentlich Verteidiger und  sollte Frank Rijkard auffangen, der aus dem Mittelfeld immer mit nach vorn marschierte. Thomale gibt heute zu: „Es ist leider nicht so aufgegangen, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich habe es dann später auch korrigiert. Es war eine herausragende Leistung bis ins Finale. Aber am Ende hättest du den Pott auch gern hoch gehalten.“10000 Ost-Mark, 100 D-Mark in Forumschecks sowie eine Reise nach Bulgarien waren für ihn in dem Moment nur ein schwacher Trost. Immerhin konnte er seine Regine aber für einen Moment in den Arm schließen. Sie stürmte mit den Spielerfrauen kurz unerlaubt in die Kabine. Denn eigentlich war von den Partei-Bonzen ein Kontaktverbot ausgesprochen.Sie erzählt: „Wir durften uns nicht von der Gruppe entfernen. Aber wo sollten wir auch hin? Wir bekamen 5 D-Mark Tagesgeld – aber erst vorm Rückflug am Flughafen. Ich konnte meinem Vater aus Athen nicht mal eine Karte schreiben...“

48 Jahre sind sie nun verheiratet. Nach dem 26. Dezember 2004 alles andere als selbstverständlich. An diesem Tag überlebten beide im Urlaub in Khao Lak (Thailand) den verheerenden Tsunami. Drei Tage lang wusste er nicht: Hat SIE überlebt?Sie hatte. Mit gebrochenem Becken, sieben gebrochenen Rippen und einem kaputten Lungenflügel. Thomale: „Das Gefühl, sie lebt, sie dann im Krankenhaus wieder zu sehen – das ist unbeschreiblich. Die Tränen, die wir da geweint haben, reichen für ein ganzes Leben. Das Schicksal hat zu uns gesagt: Die sind noch nicht dran. Wir brauchen da oben keine Lehrerin – und auch keinen Trainer.“

Von: ANDRÉ SCHMIDT