Quelle: Leipziger Internetzeitung vom Montag, 15. Juni 2015
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Das blaugelbe Fiasko

Mit Sport hatte das (vor-)entscheidende Spiel um den Regionalliga-Aufstieg des 1. FC Lok bei RW Erfurt II nur 74 Minuten etwas zu tun. Dann brauchten etwa 100 Chaoten unter den 3.000 Lok-Fans nur 15 Minuten, um den Verein wieder deutschlandweit ins Gerede zu bringen und die Vereinsarbeit der letzten zwei Jahre zu zerstören. Auf einen Platzsturm folgte eine wilde Schlägerei mit den Ordnungskräften, ein Feuer im Block, die versuchte Zerstörung des Gästezauns.

Die Mehrheit der mitgereisten Lok-Fans distanzierte sich mit Sprechchören von den Chaoten. Ihre Rufe verhallten ungehört. Das Spiel wurde beim Stande von 0:2 gegen Lok nach 74 Minuten abgebrochen. Was Djamal Ziane zum Schiedsrichter gesagt hat, war nicht mehr herauszufinden, eigentlich soll er es sowieso zu Ramon Hofmann gesagt haben. Die zirka 30 Personen aus dem Lok-Gästeblock, die kurz darauf auf dem Spielfeld standen, hatten wahrscheinlich die rote Karte nicht im Sinn, die Schiedsrichter Rasmus Jessen aus Berlin Djamal Ziane gab.

Einmal auf dem Spielfeld angekommen, suchten sie den Kontakt zu den Lok-Spielern, nahmen sich offenbar das Recht heraus, von den Spielern zu erfragen, warum sie diese Leistung anboten.

Zu dem Zeitpunkt lag Lok 0:2 hinten, brauchte drei Tore, um doch noch in die Relegation einzuziehen. „Im Fußball ist viel möglich, Robert Lewandowski hat gestern in vier Minuten drei Tore erzielt. Durch war das Ding noch nicht“, so Gianluca Marzullo, der allerdings genauso wie seine Mannschaftskollegen keine Chance mehr bekam, das Spiel umzubiegen. Obgleich es vor dem kurzen Rasen-Intermezzo der teils vermummten Personengruppe aus dem linken Teil des Fanblocks noch danach aussah. Man wollte noch sportlich kämpfen, doch eine Chance bekam die Elf nicht mehr.

Denn kurz bevor die Gruppe, von den Spielern zurück in den Block geschickt, den Zaun erreichte, schnappte sich dann doch noch ein Ordner einen Störenfried. Wohl auch, weil man seitens der Erfurter Security durchaus nicht gewillt war, sich das Schauspiel einfach so bieten zu lassen. Die Situation eskalierte. Um ihren Mittäter aus den Fängen des Ordners zu befreien, stürmten mehrere auf diesen zu, es kam zu einer wüsten Schlägerei zwischen Ordnungsdienst und Randalierern.

Die Polizei, die bis dato dem Ordnungsdienst – warum eigentlich – das Feld überlassen hatte, rannte nun doch mit fünfzig Personen über den Rasen, jagte die Personengruppe in den eigenen Block zurück, wo nach den Einstiegspyros zum Spiel erneut ein Feuer loderte.

Die Mannschaften waren mittlerweile in den Katakomben verschwunden, Erfurts Stadionsprecher mahnte zur Ruhe und kündigte an, dass das Spiel nur wieder angepfiffen wird, wenn in zehn Minuten Ruhe eingekehrt sei. Doch das interessierte die Personengruppe aus dem “Fan”Block wenig und die Ordnungskräfte mussten sich offenbar erst mal sortieren. Die Randalierer machten sich in der Folge daran die Stützen des Zauns abzuschrauben, was ihnen wenig später gelang. Fortan bestand ihr Ziel darin, eben jenen einzureißen. Während auch hier Ordner und Polizei gebannt zusahen, skandierten die rund 1.500 Lok-Fans im Nachbarblock „Schämt euch was“ und „Wir sind Lok-Fans und ihr nicht.“

Erst als der Zaun bedenklich wackelte, versuchten ein paar Ordner sich den Vandalen am Zaun entgegenzustemmen, wenig später war diese Hürde allerdings stark beschädigt und nun startete auch die Polizei Richtung Fanblock, um die Personen vom abermaligen Betreten des Innenraums abzuhalten. Ob dieser Situation sah sich der Schiedsrichter nicht mehr in der Lage wieder anzupfeifen und brach das Spiel ab.

Anschließend verließen die Randalierer das Stadion. „Das wirft uns um zwei Jahren zurück“, stöhnte Lok-Vizepräsident Jens Kesseler nachdem sich das Stadion geleert hatte. Er selbst war mit Aufsichtsratschef Olaf Winkler, den Vize-Präsidenten Martin Mieth und René Gruschka, Noch-Präsident Heiko Spauke und Geschäftsführer Sport Mario Basler im Innenraum. „Ich erzähle unseren potentiellen Sponsoren seit fünf Monaten, dass bei uns nichts mehr passiert. Was soll ich denen denn nun erzählen?“, fragte Mario Basler verzweifelt.

Heiko Spauke indes wollte sich bei den Lok-Fans bedanken, die ihren Unmut gegenüber den Randalierern kundgetan hatten. „Es waren alle Einsatzkräfte mit diesen Personen überfordert, da können wir nicht verlangen, dass sich in dieser Situation unsere Fans gegen diesen Mob stellen. Aber vor zwei Jahren hätten sie sich noch nicht mit Sprechchören distanziert.“ Aus seiner Sicht hat die Polizei zu spät reagiert. „Diese Personen haben schon zeitig ihre Fahnen vom Zaun genommen, das ist schon das erste Warnsignal. Außerdem gab es im Gästeblock alkoholhaltiges Bier und nicht wie in den Sicherheitsberatungen verabredet alkoholfreies.“

Eine Entschuldigung ist das auch für Spauke nicht, dessen ehrenamtliche Arbeit genau wie die der großen Schar an Ehrenamtlern beim 1. FC Lok am 14. Juni mit Füßen getreten wurde.

Binnen 20 Minuten drohen 100 Personen die Vereinsarbeit der vergangenen zwei Jahre zu zerstören

„Aber uns haben schon Fans angesprochen, dass wir weitermachen müssen“, so ein gefrusteter Jens Kesseler. Immerhin: Auf dem Rückweg verlief laut Polizeimeldung alles ruhig. Fans hatten sich direkt nach Spielende beim Präsidium gemeldet, weil sie nicht mit „den Chaoten“ in einem Zug zurück fahren wollten. Auch bei Facebook und Twitter distanzierten sich zahlreiche Fans von den Vorfällen.

Sie dürfen nun wieder von Neuem beginnen, ein besseres Vereinsimage aufzubauen. Oder wie es Gianluca Marzullo formulierte: „Was auf den Verein jetzt zukommt, ist schlimm. Mir tun die Mitarbeiter und Ehrenamtler leid.“ Übrigens: Die Polizei hat nur einen verschwindend geringen Teil der Randalierer verhaften können, dafür aber viel gefilmt …

Mit Marzullo beginnt die Konjunktivgeschichte des Nachmittags in Erfurt, denn der Deutsch-Italiener hatte im ersten und zweiten Durchgang die besten Möglichkeiten für Lok. Die Blaugelben agierten eine Halbzeit lang zu zögerlich, kassierten noch vor der Pause das 0:1 und kurz nach der Pause, mitten in die Drangperiode hinein, das 0:2. Erfurt riss keine Bäume aus und wäre zu besiegen gewesen. Aber so endete der als blaugelber Feiertag geplante Ausflug nach Erfurt im blaugelben Fiasko.

Von: Marko Hofmann