Quelle: Leipziger Internetzeitung vom Montag, 01. Dezember 2014
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Den Moment festhalten

Historischer Tag in und für Eisenach. Der 1. FC Lok siegte beim ersten Gastspiel nach der Neugründung mit 4:1 (2:1). Im Spiel des Tabellen-Sechsten beim Tabellen-Dritten war von kuriosen Toren über einen Platzverweis bis hin zum Selfie auf dem Spielfeld einiges geboten. Wohl dem, der nicht 30 Minuten für eine Bratwurst anstehen musste.

Die Nummer war schon längst durch, als ein Zuschauer aus dem Eisenacher-Bereich bei lauschigen zwei Grad Celsius oberkörperfrei und seelenruhig mit dem Handy in der Hand aufs Spielfeld trabte und zum Selfie ansetzte. Das erheiterte Publikum hatte genug Zeit, seinen Versuch zu würdigen, mit Eisenachs geplagtem Torhüter René Geuß ein gemeinsames Foto zu schießen. Die Ordnungskräfte staunten gleich mit.

Erst als der Stadionsprecher zum Mikrofon griff und den seltenen wie situationskomischen Satz herausbrachte: „Ich bitte mal die Ordnungskräfte aufs Spielfeld!“, sprintete ein Sicherheitsmann über den Rasen. Gefeiert wurde allerdings der Störenfried, der wohl als einziger Eisenacher sein Ziel heute erreichte, auch wenn Geuß zunächst den schlechten Hintergrund – nämlich die Lok-Kurve – monierte und dann ganz den Kopf einzog. Der Torhüter hatte da allerdings auch schon vier Tore kassiert und der Stadionsprecher war auf andere Sachen vorbereitet.

Schon lange vor dem Spiel lagen auf seinem Pult schon die Hinweise des DFB für Ansagen in ausgewählten kritischen Situationen wie Diskriminierungen, Störungen durch Zuschauer, Panik im Stadion und Spielabbruch. Wenn der 1. FC Lok kommt, muss man eben vorbereitet sein. Doch die 356 blau-gelben Fans schätzten die entspannte Atmosphäre am Fuße der Wartburg. Die Polizei hielt sich im Hintergrund, nur eine Balustrade trennte die Zuschauer vom Spielgeschehen, außerdem wurden sie vom Nachbarblock nur durch kleine Gitter und Absperrband ferngehalten. Und an der kleinen Choreo zu Spielbeginn samt blau-gelben Rauch, der ohne weitere Störungen zu verursachen über das Spielfeld zog, nahm auch niemand Anstoß. Der Stadionsprecher enthielt sich jedenfalls seiner Stimme.

Viel Rauch machte anschließend für kurze Zeit die Lok-Mannschaft, die Präsenz zeigte und prompt in Führung ging. Marzullo jagte den Ball nach drei Minuten im dritten Versuch binnen fünf Sekunden ins Tor. Doch die zeitige Führung verlieh keine Sicherheit. Die Hausherren kamen ohne viel Aufwand zum Ausgleich, weil Paszlinski einen Fehlpass im Aufbau spielte. Der Pole spielte erstmals im Mittelfeld, Lok agierte defensiv mit einer Dreierkette, davor einem defensiven Dreiermittelfeld, Hofmann und Wendschuch im offensiven Mittelfeld und der Doppelspitze Ziane und Marzullo.

Letztlich spielte dasselbe Team, das gegen Halle die späte Niederlage kassierte. Doch Struktur brachte zunächst keine der beiden Teams auf das ramponierte Spielfeld. Die erneute Lok-Führung nach 32 Minuten gelang durch einen abgefälschten Distanzschuss von Andy Wendschuch - erster Pflichtspieltreffer für den drahtigen Mittelfeld-Motor beim 1. FC Lok. Und während einige Besucher zum Stillstand an den Versorgungsständen des Stadions verurteilt waren – offensichtlich hatte man nicht mit so vielen Zuschauern gerechnet – nahm das Spiel die letzte entscheidende Abbiegung.

Trojandt flog vor der Pause mit Gelb-Rot vom Platz, doch nach der Pause stach Lok zweimal konsequent zu. Erst blockte der viel gescholtene Ziane einen Eisenacher Freistoß an der Mittellinie und eröffnete sich einen 50 Meter Laufweg mit dem einzigen Hindernis Geuß, den er geschickt verlud. Kurz darauf staubte Paszlinski nach Lattenkopfball von Zielinsky eiskalt ab, jubelte allerdings nicht. „Ich hab mich einfach zu sehr über meinen Fehler vorm 1:1 geärgert. Gut habe ich heute nicht gespielt, auch wenn ich die Position schon mal in Polen ausgefüllt habe.“, so Paszlinski.

Nach 53 Minuten war die Partie jedenfalls entschieden. Die durch den Ausfall von drei Stammspielern geschwächten und möglicherweise ob der Kulisse gelähmten Gastgeber bekamen nichts mehr auf die Ketten, hatten Glück, dass die stark verbesserte Lok nicht noch mehr am Ergebnis drehte. Kein Wunder, dass Geuß nicht in Selfie-Stimmung war.

Lok-Trainer Heiko Scholz war jedenfalls zufrieden mit seinem Team: „Jetzt haben wir kommende Woche gegen Erfurt die Möglichkeit, diese vermaledeite Hinrunde noch human zu Ende zu spielen.“ Durch den Sieg hält Lok Kontakt mit dem zweiten Tabellenplatz, hat nun - bei einem Spiel weniger - fünf Punkte Rückstand auf den SSV Markranstädt.

Von: Marko Hofmann