Quelle: Leipziger Volkszeitung vom Donnerstag, 23. November 2017
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Die Büchse der Pandora

Die Derby-Fratze weiter präsent / Platzsturm von Ultras war geplant / Bei Chemie bezahlen die Fans

Leipzig. Mit Bildern von Bengalos und Böllern, einem riesigen Polizeiaufgebot mit Wasserwerfern haben es der 1. FC Lok Leipzig und die BSG Chemie deutschlandweit in die Schlagzeilen geschafft. Und mit dem 101. Derby unweigerlich einen Reflex bedient, gegen den die beiden Traditionsvereine aus Probstheida und Leutzsch, die nicht gerade auf Rosen gebettet sind, seit Jahren arbeiten. Die Derby-Bilder aus den 90er-Jahren mit Spielfeldstürmungen, Massenschlägereien, Hetzjagden und weiteren Nebengeräuschen sollten eigentlich in der Büchse der Pandora bleiben. Das Thema hat Spuren hinterlassen, bei beiden Vereinen. Der Tag danach.

„Ich bin entsetzt über diese Qualität der Randale. Ich dachte, dass hätten wir hinter uns gebracht“, erklärte Alexander Voigt. Das Mitglied des Präsidiums von Lok Leipzig hat auch keine Worte für die Leute, die die Spielunterbrechungen provoziert hatten. Dabei sei es irrelevant, welche Seite womit angefangen habe. „Es ist krank, mir fehlt die Argumentationskette. Von den Leuten, die das machen, interessiert niemanden die gute Arbeit, die wir im Verein machen“, sagt der 40-Jährige. Heute ist eine Krisensitzung bei den Probstheidaern anberaumt. „Wie sollen wir das in Zukunft in den Griff bekommen. Spielen wir dann unter Ausschluss der Öffentlichkeit?“, gab sich Voigt, der seit zwei Jahren bei Lok dabei ist, desillusioniert. So wie andere Mitglieder des Präsidiums auch.

Das Derby war als Sicherheitsspiel der Kategorie I spezifiziert. Ein Staatsanwalt war vor Ort, 650 Polizisten, 150 Sicherheitskräfte der Blau-Gelben. Tage zuvor gab es Streifen, einen Stadionwachdienst. So wurden bereits Dinge beräumt, die deponiert wurden.

Nach dem versuchten Platz- und Blocksturm auf der Gegengerade stellte sich heraus, dass die Zäune vorab mit der Flex bearbeitet wurden. „Es gab die gezielte Absicht den Block zu stürmen“, sagte Voigt. Die Polizei verhinderte das, versuchte die maskierten Täter festzumachen. Die sollen zurück in die Fankurve 1966 geflohen sein. Deswegen wurde der Block nach der Partie auch von der Polizei abgeriegelt, um die Identitäten der Leute festzustellen.

Dass Lok am Sonntag (13.30 Uhr) daheim gegen den BAK spielt, spielt derzeit eine untergeordnete Rolle.
Auch bei der BSG Chemie werde man sich mit den Vorfällen vom Derby noch befassen, sagt Pressesprecher Jörg Augsburg. Am Montag tagt der Vorstand. Was den finanziellen Aspekt der möglichen Strafe angeht, kann Chemie allerdings (relativ) entspannt sein. Strafen übernehmen in Leutzsch traditionell die Fans, ganz nach dem Verursacher-Prinzip. Galt auch schon für die 2000-Euro-Strafe vom Match gegen Zwickau. Dass die Fans in Leutzsch diesmal so „günstig“ davonkommen, scheint allerdings mehr als fraglich.

Ganz entspannt gab sich gestern Dietmar Demuth. „Das ist alles abgehakt, bei mir geht so etwas schnell“, antwortete der Chemie-Trainer auf die Frage, ob ihn das Match und vor allem die Bier-Attacke (Demuth wurde bei der Pressekonferenz mit Bier bekippt und beschimpft) noch sehr beschäftigt. „Es gibt nach so einem Match immer nur eine kurze Nachbetrachtung. Entweder du ärgerst dich oder du ärgerst dich nicht. Und dann wird auch schon wieder ans nächste Spiel gedacht. Vor allem an die Frage, was muss besser laufen?“ Geärgert hat er sich über das Ergebnis am Mittwoch nicht. „Der Punkt ist für die Moral wichtig und tut auch unseren Fans gut.“ Was fürs nächste Spiel (Sonntag, 13.30 Uhr, daheim gegen Hertha II) besser werden muss, sei ja auch klar. „Wir müssen das Tor treffen.“

Dann ist da noch die Bier-Geschichte. Und die scheint doch noch nicht ganz abgehakt. „Dass man beim Fußball mit Bier bekippt wird, passiert schon mal. Wenn man durch die Fans geht. Ich kenne das aus St. Pauli, Uli Hoeneß hat da auch mal eine Dusche abgekriegt. Aber in einem VIP-Raum sollte das nicht passieren“, sagt Dietmar Demuth. Und wirkt irgendwie überrascht, dass er in seiner langen Trainerkarriere doch immer noch etwas eues erlebt.

Von: ALEXANDER BLEY UND UWE KÖSTER