Quelle: Leipziger Volkszeitung vom Mittwoch, 10. Mai 2017
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Von harter Wurst und präparierten Stollen

Mehr Zeitzeugen, mehr Details, mehr Fotos – das Buch über den Lok-Siegeszug 1987 erscheint in neuer Auflage

Leipzig. Der gelernte DDR-Bürger ging wie so oft lieber auf Nummer sicher. Wer wusste schon genau, wie die Verpflegung in den beiden Sonderzügen sein würde, die sich heute vor 30 Jahren – am 11. Mai 1987 – in den frühen Morgenstunden vom Leipziger Hauptbahnhof auf den Weg machten. Ziel war Athen, wo am Abend des übernächsten Tages das Europacup-Finale der Pokalsieger zwischen dem 1. FC Lok und Ajax Amsterdam über die Bühne ging. Für die 2585 Kilometer lange Strecke wollte man gerüstet sein, und daher hatte mancher vorsichtshalber die eine oder andere harte Wurst im Gepäck. Doch die Bedenken erwiesen sich als unbegründet, der Reisegruppe fehlte es an nichts, Bedienung und Verpflegung boten keinen Grund zur Klage.

Über diese Fahrt in die griechische Hauptstadt und somit ins kapitalistische Ausland, die normalerweise nur Rentner antreten durften, ranken sich viele Geschichten. Erzählt wurden sie zum Teil auch schon von Thomas Franke und Marko Hofmann in ihrem Buch „Neunzehn87“. Jetzt, fünf Jahre später und zum 30. Jahrestag des Endspiels, präsentieren sie ihre Zweitauflage und nennen sie „1987“. Der Titel ist also fast gleichgeblieben, macht aber auf einen Blick eine optische Veränderung deutlich. Die Autoren präsentieren noch mehr Details über den Triumphzug des 1. FC Lok durch Europa. Sie haben neue Zeitzeugen und viele Dokumente der Zeitgeschichte aufgespürt. Ob die Speisekarte im Zug vom 13. Mai dieses Kriterium erfüllt, sei dahingestellt – aufschlussreich ist sie allemal. Mittags, vor der Ankunft in der griechischen Hauptstadt, gab es jedenfalls Kasslerbraten mit Kartoffelpüree und Gurkensalat. Radeberger Bier, in der DDR eine der berühmten Bückwaren, war zur allgemeinen Überraschung ebenfalls stets vorrätig.

Zahlreiche Fotos werden in diesem Buch dank der Hilfe von Fotografen und Agenturen erstmals gezeigt, nicht nur aus Athen, sondern auch aus anderen Stationen während der denkwürdigen Spielzeit, in der Torhüter René Müller im Halbfinale gegen Girondins Bordeaux mit seinem verwandelten Elfmeter zum Helden wurde. Dass es sich teilweise um Schwarz-Weiß-Aufnahmen handelt, lässt das Durchblättern noch interessanter werden. Von Vorteil ist allerdings, dass der Spielball aus dem Viertelfinal-Hinspiel gegen den FC Sion tatsächlich in seiner Originalfarbe zu sehen ist. Leipzig lag im März 1987 unter einer Schneedecke, daher war der Ball rot. Allerdings ging diesem zweimal die Luft aus. Es waren nur zwei Exemplare mit dieser Farbe vorrätig, damals wurde noch nicht mit mehreren Bällen gespielt. Zu guter Letzt musste ein weißer Ball herhalten, mit dem Olaf Marschall und Hans Richter doch noch die Treffer zum 2:0-Sieg erzielten. Die roten Bälle hatten, so klärt das Buch auf, deshalb keine lange Lebenszeit, weil die Lok-Spieler zum besseren Stand Nägel in ihre Stollen geschlagen hatten. Das war in der DDR-Oberliga durchaus gängige Praxis, nicht nur bei Wismut Aue im Erzgebirge, wo oft solche Verhältnisse herrschten. Auch diese veränderte Stollen werden im Buch gezeigt und lassen vermuten, wie schwer es für den Schiedsrichter war, die Präparation zu erkennen.

Dass Hollands einstiger Ausnahmestürmer Marco van Basten, der im Endspiel von Athen für Ajax den 1:0-Siegtreffer per Kopf erzielt hatte, die Anfrage der Autoren unbeantwortet ließ und daher nicht als Gesprächspartner zur Verfügung stand, ist schade. Dem aufschlussreichen und sehenswerten Buch tut das allerdings keinen Abbruch. Vielleicht könnte es sogar Ansporn für eine dritte Auflage sein. Die Geschichten über den Siegeszug des 1. FC Lok durch Europa unter seinem Trainer Uli Thomale an dem am Ende zumindest ein Teil seiner Fans teilhaben durfte, werden schließlich immer wieder gerne und oft erzählt. Und es kommen immer wieder neue hinzu. Erst recht, wenn der 13. Mai heranrückt. 

Von: Winfried Wächter