Quelle: Leipziger Internetzeitung vom Samstag, 05. Dezember 2015
Nur diese Kategorie anzeigen:Leipziger Internetzeitung

Zukunft, Zank und ziemlich lang

Einen langen Atem brauchten die 249 anwesenden Mitglieder des 1. FC Lok am Freitagabend und Samstagmorgen. Auf der turnusmäßigen Versammlung diskutierten, analysierten und stritten die Teilnehmer sechseinhalb Stunden. Dabei waren im „Pavillon der Hoffnung“ auf dem Alten Messegelände ursprünglich nur die Neuwahl des Aufsichtsrats und die Vorstellung des Leitbild des Clubs als besondere Tagesordnungspunkte avisiert.

Nein, um die Finanzen ging es diesmal auf der turnusmäßigen Mitgliederversammlung des 1. FC Lok nur peripher. Präsident Jens Kesseler informierte nur kurz über die pekuniäre Lage („Nicht alles gut, aber alles unter Kontrolle.“), die aber im Schatten anderer Tagesordnungspunkte stand.

Unter anderem wurde der Aufsichtsrat turnusmäßig neu gewählt. Eigentlich keine wilde Sache in einem Verein dessen erste Mannschaft derzeit unangefochtener Tabellenführer der Oberliga Süd ist und der – siehe oben – finanziell nicht soviel auszustehen hat, wie man es in den letzten Jahren gewohnt ist. Doch rund um die vorangegenangen Jahresberichte von Präsidium und Aufsichtsrat entspann sich ein unwürdiges Gewirr aus Anschuldigungen zwischen einzelnen Gremienmitgliedern.

Noch-Aufsichtsmitglied Ralf Noack piesackte das Präsidium und seine eigenen Aufsichtsrats-Kollegen um Olaf Winkler mit konkreten Fragen zu Handlungsabläufen und Bezahlungen. Ob Gremien-Mitglieder laut Satzung Aufwendungen für ihre ehrenamtliche Tätigkeiten erhalten hatten, wollte Noack unter anderem wissen und auch, warum der neue Ausrüstervertrag des Vereins erst nachträglich vom Aufsichtsrat bestätigt wurde. Es entwickelte sich eine langwierige Diskussion, die letztlich im Zwiespalt: Pragmatismus contra Prinzipienreiterei und in der Frage, wie viele Fehler Ehrenamtler letztlich machen dürfen, endete.

Noack zog letztlich seine neuerliche Kandidatur für den Aufsichtsrat zurück und weil auch Ex-Präsident Heiko Spauke seine Kandidatur kurzfristig begrub – er will lieber im Wirtschaftsrat mitwirken – standen nur noch acht Kandidaten für sieben Plätze zur Verfügung. Marketing-Proferssor Sören Bär vereinte schließlich 213 Stimmen auf sich und zog als Klassenbester in den neuen Aufsichtsrat ein in dem auch Jens-Peter Hirschmann (203 Stimmen), Olaf Winkler (198), Bernd Bienia (198), Mike Scheffler (193), Frank Balling (166) und Steffen Rösler (152) ihren Platz haben werden.

Zuvor hatte Rüdiger Hoppe einen Bericht über sportliche Entwicklung im Kalenderjahr gegeben. Mit sonorer Stimme gab Co-Trainer von Heiko Scholz einen kleinen Einblick in die Stimmungslage der Mannschaft und führte den Mitgliedern auch die Erfolge, trotz des verpassten Aufstiegs vor Augen. „Lok hat im gesamten Kalenderjahr bis jetzt 68 Punkte eingeheimst. Markranstädt hat als Zweiter in dieser Statistik ganze 20 Punkte weniger geholt.“

Der Rheinländer sprach auch über die Väter des Erfolgs. Neben Cheftrainer Heiko Scholz, Team-Manager René Gruschka und seiner Wenigkeit fehlte ein Name: Noch-Geschäftsführer Mario Basler wurde nur einmal erwähnt. „Anfang Februar kam Basler, zwei Tage vorher bekamen wir gesagt, dass die Gehälter nicht pünktlich bezahlt werden können. Ich hätte mir gewünscht, dass dann mal der Präsident vor die Mannschaft getreten wäre. Das haben aber andere Vorstandsmitglieder übernommen.“

Die Ausführungen Hoppes lassen nicht nur hinsichtlich der Abläufe, für die Ex-Präsident Spauke auch vom Aufsichtsrat gerügt wurde, tief blicken, sondern auch hinsichtlich Basler. Selbst als von Sponsorenakquise oder Spielerverpflichtungen zu hören war („Wir sind durch ganz Leipzig gefahren, um Jobs zu besorgen.“): Basler wird nicht einmal genannt. Der Pfälzer war auch selbst nicht anwesend und wird wohl die längste Zeit in Probstheida gewesen sein. Zu wenig soll der Deutsche Meister zum Erfolg des Vereins beitragen, zu viel aber kassieren.

Gegen Mitternacht informierte der 1. FC Lok schließlich auch über sein neues Leitbild, dass dem Verein eine klare Struktur geben soll. Damit der Club nach der diffusen Wahrnehmung der vergangenen Jahre auch ein umfangreicheres und unverwechselbares Profil erhält, entwickelten Präsidium, Aufsichtsrat und geladene Experten auf mehreren Tagungen auch ein Marken-Leitbild. Kult-Club und Familienverein, Naziclub und Club der Ewiggestrigen waren gestern.

Lokomotive Leipzig steht ab sofort auch offiziell für „Fußball pur“. So präsentierte es Neu- und Alt-Aufsichtsratsmitglied Sören Bär kurz vor Mitternacht den anwesenden 249 Mitgliedern. Der neue Leitspruch fasst laut Verein die gesamte Marke des 1. FC Lok in zwei Worten zusammen. „Zu Fußball pur gehören natürlich auch weitere Leitsprüche wie Nachwuchsarbeit pur, Leidenschaft pur oder Historie pur“, so Bär, der unter anderen zusammen mit Neu-Geschäftsführer Martin Mieth (ab Januar) und Präsidiumsmitglied Alexander Voigt am neuen Marken-Leitbild gearbeitet hat.

Als Bär seinen Vortrag abschloss, erhoben sich die Mitglieder zum Applaus. Identifikation, Leidenschaft, Herzblut, Probstheida, Tradition, Mythos und Kult sind nur ein paar Schlagworte auf denen das Marken-Leitbild des Clubs gründet, der sich von der Führung ausgehend auch nachhaltig, glaubwürdig, innovativ und transparent geben will. Das Stadion ordnet sich in das Leitbild ebenso ein und soll auch zukünftig ein Anker der Probstheidaer Identität sein.

„Bei allen Visionen, die wir auch für das Stadion haben: Unser Stadion soll kein seelenloser Beton- und Stahlbau sein.“, so Präsidiumsmitglied Thomas Löwe. Zudem plant der Verein langfristig den Aufbau eines Nachwuchsleistungszentrums. Präsident Jens Kesseler hielt fest, dass auch zukünftig klar ist, dass „der sportliche Erfolg immer mit dem wirtschaftlichen Erfolg Schritt halten muss.“

Apropos: Als es zwölf schlug, skandierten die Mitglieder „Auswärtssieg“. Einzelne unterbreiteten auch den Vorschlag, direkt vom „Pavillon der Hoffnung“ zum Bahnhof zu fahren, um zum Topspiel nach Bischofswerda zu reisen. Mit dem Ende der Versammlung um 00:30 Uhr war allerdings doch nicht genügend Zeit, noch einmal nach Hause zu fahren.

Von: Marko Hofmann