Verein, Top3, Top7 | Samstag, 09. Mai 2015

Zum 45. Todestag von Camillo Ugi

Nationalspieler, Olympiateilnehmer, Deutscher Meister

Er war der erste „Wandervogel“ des deutschen Spitzenfußballs. Sein Name ist dennoch untrennbar mit dem VfB Leipzig verbunden: Camillo Ugi hatte einen hochqualifizierten Beruf erlernt und für eine vielversprechende Anstellung musste man auch früher schon mobil sein. Und so wechselte Camillo Ugi oft seinen Wohnort. Als leidenschaftlicher Fußballer bedeutete dies auch, immer einem neuen Verein beizutreten. Doch der gebürtige Leipziger kehrte stets in seine Heimat zurück – und immer wieder zu seinem geliebten VfB. Vor 45 Jahren, am 9. Mai 1970, starb Camillo Ugi im Alter von 85 Jahren in Markkleeberg.

Geboren am 21. Dezember 1884 trat er im Alter von 14 Jahren nach dem Ende seiner Schulausbildung dem Allgemeinen Turn-Verein von 1845 bei. Hier betrieb er zunächst Sportarten wie Turnen, Schwimmen und Leichtathletik. Auch nach dem Austritt der Gruppe um Theodor Schöffler, die 1896 den VfB Leipzig gründete, wurde beim ATV Fußball gespielt. Dort kam Camillo Ugi mit dem neuen Sport in Berührung. Arno Kunze, Mittelläufer des Leipziger BC, holte das große Talent 1902 in die oberste Leipziger Spielklasse. Noch keine 18 Jahre alt erzielte Camillo Ugi in den ersten 20 Minuten seines ersten Spiels für den LBC zwei Tore, wurde daraufhin ausgewechselt, um am Nachmittag in der ersten Herrenmannschaft gegen Union 92 Berlin aufzulaufen. Trotz einer 1:8-Niederlage gab es auch auf Leipziger Seite einen Gewinner: Camillo Ugi war der beste Mann auf dem Platz. Von nun an gehörte er zum Stammaufgebot des LBC. Bereits ein Jahr später wurde er erstmals in die Mitteldeutsche Auswahl berufen. Im Jahre 1904 schloss Camillo Ugi seine Berufsausbildung als Elektromechaniker für die gerade aufkommenden Kinematographen (Apparate, die Filmkamera, Kopiergerät und Filmprojektor in einem waren) ab. Nun suchte er eine lukrative Festanstellung. Diese stellte ihm ein ehemaliger Vereinskamerad vom ATV in Brasilien in Aussicht. So reiste Ugi 1905 nach Sao Paulo um als Elektromechaniker sein Geld zu verdienen. Fußball spielte er parallel beim SC Germania Sao Paulo. Doch weil er kein Portugiesisch sprach, blieben ihm die erhofften Aufstiegschancen verwehrt.

Nach nicht einmal drei Monaten kehrte er Brasilien den Rücken. Zurück in Leipzig schloss er sich nun dem VfB an. Unter den Führungsspielern Edgar Blüher und Paul Oppermann entwickelte er sich zum deutschen Spitzenspieler und errang 1906 mit dem VfB die Deutsche Meisterschaft durch einen 2:1-Finalsieg gegen den 1. FC Pforzheim. Nach diesem Triumph musste Camillo Ugi seinen Militärdienst in Dresden antreten. Fußball spielte er währenddessen beim Dresdner SC. Nach dem Ende der Dienstzeit kehrte Camillo Ugi nach Leipzig zurück und kickte ab 1909 wieder für den VfB. Am 18. März 1909 wurde er erstmals in die Nationalmannschaft berufen, als es gegen England eine 0:9-Niederlage gab. Mit dem damals erfolgreichsten Verein Deutschlands stürmte er 1911 erneut ins Meisterschaftsfinale, welches jedoch gegen Viktoria 1889 Berlin mit 1:3 verloren ging. Zwei Monate später war Camillo Ugi wieder aus Leipzig verschwunden und folgte einer vielversprechenden Verdienstmöglichkeit nach Marseille. Diese erwies sich jedoch schnell als Flopp und so kehrte er kurz darauf nach Deutschland zurück, dieses Mal zunächst nach Frankfurt/M. Er trat dem dortigen FSV 1899 bei und absolvierte erstmals ein Länderspiel als Nicht-VfBer. Doch zum Jahresende wechselte Camillo Ugi erneut zum VfB Leipzig und absolvierte hier die Rückrunde der Saison 1911/12. Gemeinsam mit seinem Vereinskamerad Hans Karl Uhle nahm er im Sommer 1912 als Mitglied der Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen in Stockholm teil. Mit dem 16:0 gegen Russland feierten beide den bis heute höchsten Sieg einer deutschen Nationalelf. Unmittelbar danach zog es Camillo Ugi wieder fort. In Breslau hatte er die Chance, endlich in seinem Lehrberuf arbeiten zu können. Er trat den Vereinigten Breslauer Sportfreunden bei. So kam es, dass er zum ersten Länderspiel in seiner Heimatstadt Leipzig gegen Holland im November 1912 als Gast anreiste. Dem Leben in Breslau setzte der Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 ein jähes Ende. Auch Camillo Ugi wurde an die Front kommandiert und brach sich bei Kämpfen in Frankreich den Knöchel. Erst nach zwei Jahren und einem Genesungsurlaub in Radeberg war die Verletzung soweit ausgeheilt, dass er 1916 für den Dresdner Fußballring antreten konnte. Er kehrte bald nach Breslau zurück um bis Kriegsende für die Sportfreunde gegen den Ball zu treten. Mit dem Ende des Krieges im November 1918 schloss Camillo Ugi seine Wanderjahre mit dem Umzug nach Leipzig ab. Aufgrund eines „Missverständnisses“, wie in den VfB-Mitteilungen zu lesen war, wurde er Mitglied bei den Sportfreunden von 1900, seinem neunten Verein. Bald konnten die Unstimmigkeiten beigelegt werden und Camillo Ugi trat 1919 zum vierten Mal, nun schon 35-jährig, seinem VfB bei. Bis 1923 ließ er seine glanzvolle Karriere beim VfB ausklingen, 1924 dann bei den Sportfreunden. Bis zu diesem Zeitpunkt war er mit 15 Berufungen der deutsche Rekordnationalspieler, neunmal war er Kapitän.

Die eigene Familie mit drei Töchtern und die berufliche Karriere wurden in Camillo Ugis Leben nun wichtiger. Versuche, als Sportlehrer und Trainer tätig zu sein, scheiterten am fehlenden Studium. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er bis zu seiner Pensionierung 1954 bei Medizintechnik Leipzig tätig. Noch oft besuchte er Spiele im Bruno-Plache-Stadion, seiner früheren Wirkungsstätte, auch die des alten 1. FC Lok. Mit vielen früheren Kameraden des VfB und Vereinen aus ganz Deutschland stand er im regelmäßigen Kontakt. So ernannte ihn 1965 der 1. FC Nürnberg zu seinem Ehrenmitglied. Seiner Witwe schrieb Sepp Herberger 1970: „So lange es eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft gibt, wird der Name Camillo Ugi fortleben.“ Einer seiner Urenkel tauchte schließlich auch in Probstheida auf: Felix Diener, Jahrgang 1987, kam zwischen 2005 und 2007 zu zehn Pflichtspiel-Einsätzen für den 1. FC Lok.