Quelle: Leipziger Volkszeitung vom Mittwoch, 12. Dezember 2018
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„Mich hat es heiß gemacht, wenn das ganze Stadion gegen dich ist“

Leipzig. Seit zehn Wochen ist Björn Joppe verantwortlicher Trainer beim 1. FC Lok Leipzig. Der dreimalige Bundesliga-Spieler (VfL Bochum), der heute 40 Jahre alt wird, führte den Regionalligisten mit 16 Zählern aus zehn Spielen vom 17. auf den 8. Platz der Nordost-Staffel. Der Höhepunkt seiner bisherigen Amtszeit steigt jedoch am Sonnabend, wenn seine Elf um 12.05 Uhr im Alfred-Kunze-Sportpark im Derby bei der BSG Chemie um den Halbfinaleinzug im Sachsenpokal kämpft. Vor dem Spiel stand der gebürtige Wuppertaler dem Sportbuzzer Rede und Antwort.

Herr Joppe, was überwiegt bei Ihnen: Die Vorfreude oder die Anspannung?

Bis jetzt die Vorfreude. Ich freue mich tatsächlich sehr aufs Derby – wie auch meine Mannschaft. Die ist heiß darauf, ins Halbfinale einzuziehen. Auf so ein Spiel arbeitet man hin. Wen ich da motivieren müsste, der wäre fehl am Platz.

Wird in Ihrem Team seit Wochen über das Derby gesprochen?

Wir haben das Thema bewusst klein gehalten. Für uns war wichtig, dass wir in der Liga am 9. Dezember über dem Strich stehen, das hat die Mannschaft mit Platz acht eindrucksvoll geschafft. Es gibt natürlich einige Fans, die spaßeshalber sagen: Wir hätten alles 0:8 verlieren können, Hauptsache gegen Chemie gewinnen wir.

Wie bewerten Sie die Entscheidung Ihres Vereins, dass keine Lok-Fans dabei sind?

Es ist eine vernünftige Entscheidung. Es hat keiner etwas davon, wenn es Vorfälle gibt und im schlimmsten Fall beide Teams disqualifiziert werden.

Sie sind Favorit und treten ohne Fans an – ein psychologischer Nachteil?

Für mich ist das weder ein Vor- noch ein Nachteil. Wir hätten zwar gewusst, sie sind da – aber 500 Lok-Fans wären gegen 4500 Chemie-Fans stimmungsmäßig untergegangen. Dass wir nur zehn Prozent der Karten bekommen sollten, empfinde ich als Frechheit. Dortmund und Schalke bekommen es auch hin. Eigentlich handelt es sich ja um ein Fußballfest. Dass man sich da beschimpft und beleidigt, muss nicht sein. Andererseits: Mich hat es als Spieler immer heiß gemacht, wenn das ganze Stadion gegen dich ist. Da ärgere ich mich, dass ich nicht mehr aktiv bin.

Bereiten Sie Ihre Elf besonders vor?

Nein. Wenn du anfängst, etwas anders zu machen, geht’s meist in die Hose. Der einzige Unterschied: Wir trainieren nicht mehr ganz so viel. Ich selber habe seit sieben Wochen bei Spielen immer dasselbe T-Shirt und die selben Schuhe an. In dieser Zeit sind wir ungeschlagen. Die Schuhe sind eigentlich für den Winter nicht geeignet – aber das ist mir egal.

Sie haben lange beim VfL Bochum gespielt. Welche Erfahrungen haben Sie mit Derbys?

Gegen Wattenscheid haben wir nicht so oft gespielt, weil wir selten in einer Liga waren. Die Derbys gegen Schalke und Dortmund waren tolle Erlebnisse, fanden dennoch in einem anderen Rahmen statt als hier. Wer sich in Leipzig umhört, bekommt das Gefühl: Hier gibt es nur dieses eine Spiel.

Das wie ausgeht?

Es ist hier mein erstes Derby – dieses will ich unbedingt gewinnen. Wir haben ’ne gute Truppe, die Qualität stimmt. Ob die auf dem Platz zum tragen kommt, müssen wir sehen. Wir sind aber mal wieder dran mit dem Finaleinzug – und mit etwas Glück auch mit der Quali für den DFB-Pokal. Chemie ist aber kein einfacher Gegner. Und in einem Derby kannst du spielen, wo du willst: Da wird vor allem gekämpft und gerackert.

Was zeichnet Chemie aus?

So viel weiß ich gar nicht. Ich habe mit dem Trainer von Wismut Gera gesprochen, die erst vor kurzem in Leutzsch gespielt haben. Gegen so einen Gegner kannst du dich vorbereiten wie du willst: Sobald der Anpfiff erfolgt, geht es um Emotionen, steht die Frage: Wer will den Zweikampf gewinnen? Da wird die Taktik nach einer Minute übern Haufen geworfen.

Gibt es einen Matchplan?

Den haben wir immer. Aber wird sind darauf vorbereitet, dass sie uns aus dem Konzept bringen wollen. Einen klaren Favoriten gibt es in einem Derby nicht, es ist ein Spiel auf Augenhöhe.
Ihr Chemie-Kollege Christian Sobottka warnt sein Team, sich nicht durch eine Rote Karte zu schwächen.

Sehen Sie das auch so?

Ich sage immer zu meinen Jungs: Wenn einer den Schiri beleidigt, dann bin ich das! Denn wenn ich rausfliege, spielen wir immer noch Elf gegen Elf.

Fürchten Sie, dass einige Ihrer Spieler am Samstag nervös sind?

Bauchkribbeln gehört dazu, erst dann ist man bei 100 Prozent. Ich habe bei uns das Wort Familie reingebracht. Dazu gehört auch, dass bei einem Fehler andere da sind, die den Fehler ausbügeln.

Sie haben Ende September Heiko Scholz beerbt. Hatten Sie sich Ihr Amt leichter oder schwerer vorgestellt?

Ich hatte gedacht, dass die Jungs länger brauchen, um da unten rauszukommen. Nun habe ich ihnen gesagt, dass ich stolz bin, was die Mannschaft erreicht hat. Auch für mich hätte das Ganze nach hinten losgehen können, dann wäre ich verbraucht gewesen.

Sehen Sie Ihre Perspektive im Profibereich?

Der Herrenbereich liegt mir mehr. Ich würde mir gern etwas aufbauen, um Erfolg zu haben. In der Jugend gibst du das Team meist nach zwei Jahren ab.

Ihnen fehlt noch die A-Lizenz. Wie bilden Sie sich weiter?

Im April mache ich vier Wochen lang den Elite-Lehrgang, Ende 2019 will ich in die A-Lizenz-Ausbildung rutschen. Nach dem Pokal-Derby stellen wir am Dienstag den Kollegen vor, der mich ab Januar mit A-Lizenz begleitet – in beratender Funktion. Wir haben uns auch schon unterhalten. Wichtig ist, dass es charakterlich passt.

Wie lautet Ihr Ziel für den Winter?

Wir stehen überm Strich, können nun auch mal ruhig arbeiten, in der Vorbereitung taktisch einiges ausprobieren. In der Rückrunde wollen wir attraktiveren Fußball spielen. Wir sind zehn Tage in der Türkei, suchen uns gerade starke Testgegner. Vier Spieler werden nicht mitkommen, dafür ist der A-Jugendliche Marcel Wagner dabei – ein Junge mit Perspektive.

Von: Frank Schober, Uwe Köster, Anton Kämpf